Mittwoch, 27. Oktober 2010

Die Obstfrau von Briest ....

Kaiser Napoleon verbrachte seine Jugend als Zögling der Kriegsschule in Brienne. Und da er gerne Obst aß, bekam die Obstfrau manchen Batzen von ihm. Hatte er einmal kein Geld, so borgte er. Bekam er Geld, so zahlte er. Aber als er die Schule verließ, um auszuüben, was er gelernt hatte, war er ihr doch einige Taler schuldig. Er hatte sich von ihr verabschiedet und ihr versprochen, daß sie nicht vergessen sei. Aber die Obstfrau sagte: "O reisen Sie ruhig ab, edler, junger Herr, Gott erhalte Sie gesund und mache aus Ihnen einen glücklichen Mann!"
Als Napoleon viele Jahre später nach Paris zurückkehrt, wird er erster Konsul. Er stellt in seinem Vaterland Ruhe und Ordnung her und wird Kaiser. Allein, die Obstfrau von Brienne war vergessen.
Als aber sein Weg ihn nach Brienne führen soll, trifft er einen Tag früher ein, als erwartet und er geht durch die Straßen der Stadt und mag sich wohl so manchen Schrittes in seiner Jugend erinnert haben. Und so fällt ihm auch die Obstfrau wieder ein und er denkt an sein gegebenes Wort. Er erkundigt sich nach ihrer Adresse und besucht sie. Die Frau und ihre beiden Kinder aßen gerade ihr kärgliches Abendessen. "Kann ich hier etwas zur Erfrischung haben?" so fragte der Kaiser.
"Aber ja", erwidert die Frau, "die Melonen sind reif", und holte ihm eine. Während er die Melone verzehrte fragt er: "Kennt Ihr denn den Kaiser auch, der heute hier sein soll?"
"Er ist noch nicht da", antwortete die Frau, "er kommt erst morgen. Warum soll ich ihn nicht kennen? Manchen Teller und manches Körbchen Obst hat er bei mir verzehrt, als er hier noch auf der Schule war."
"Hat er denn auch alles ordentlich bezahlt?"
"Ja freilich, er hat immer ordentlich bezahlt."
Da sagte ihr der fremde Herr: "Frau, Ihr geht nicht mit der Wahrheit um, oder ihr müßt ein schlechtes Gedächtnis haben. Fürs erste, so kennt ihr den Kaiser nicht, denn ich bin's. Fürs andere hab ich Euch nicht so bezahlt, als ihr behauptet, sondern ich bin Euch noch mindestens zwei Taler schuldig oder etwas mehr. Damit zog er seine Börse und zahlte der Frau eintausendzweihundertundzwei Franken. "Kapital mit Zins und Zinseszins", fügte er hinzu. Dann verfügte er, daß das Haus abgerissen und ein neues nach seinen Plänen errichtet werden solle in dem er, sooft er in Brienne weilen würde, beherbergt werden wolle. Und dann versicherte er ihr, daß er für ihre beiden Kinder sorgen wolle. Und so geschah es.

Johann Gottfried von Herder, (1744 - 1803), deutscher Kulturphilosoph, Theologe, Ästhetiker, Dichter und Übersetzer

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